15. Deutscher Trendtag – Flow.Control.

Wer im Durcheinander zu vieler Informationen per E-Mail, über Facebook, Twitter, Newslettern und auch klassischen Medien den Überblick verliert muss etwas unternehmen:

Selbstkontrolle oder “Control”, das Filtern, Priorisieren, Auswählen von Informationen, die relevant für mich sind. Der Datenfluss hingegen wird als “Flow” bezeichnet. Kurz: wer den Flow nicht kontrolliert bekommt Burnout.

Damit beschäftigt sich der diesjährige Trendtag unter dem Arbeitstitel: Flow.Control.

Manuel Castells, Douglas Rushkoff, Norbert Bolz, Peter Wippermann

Die Unkontrollierbarkeit von Informationsflüssen wird Normalzustand.
Wer den Flow kontrolliert, hat Erfolg.
Stress ist ein Signal für misslungenes Flow.Control.

Prof. Dr. Norbert Bolz:
Menschen können nicht mehr als sieben (plus oder minus zwei) Dinge auf einmal verarbeiten (George A. Miller). Damit sind Menschen an ihrer Kapazitätsgrenze. Kann man die Informationsflut nicht filtern oder gar kontrollieren, wird man untergehen. Hoffnungsträger sind Kinder, die in Computerspielen komplexe Räume sondieren lernen, d.h. sind gut darin mit den komplexen Anforderungen des 21. Jahrhunderts umzugehen. Das gilt aber auch für Workaholics, die die Flow-Control beherrschen und daher wohl eben nicht einen Burnout bekommen. Auch Netzwerke sind in der Lage dazu Dinge kollaborativ zu filtern – “was ist wichtig für uns”.

Für Unternehmen bedeutet das umzudenken bzw. sich auf ihre eigenen Werte zurückzubeziehen. Denn nur wer Sinn vermitteln/stiften kann, wird irgendwann das Herz der Konsumenten erobern. Kurz: Kundennutzen schaffen.

Die traditionellen Massenmedien haben ihre Machtstellung als “Gatekeeper” verloren und werden durch digitale Netzwerke ersetzt.
Die Offenheit des Internets ist die Grundfeste der Demokratie und des Vertrauens.

Prof. Manuel Castells:
Vertrauen ist die nachhaltigste aller Währungen. Das gilt auch im 21. Jahrhundert und vor allem in der politischen Arena. Denn: wie schnell ein Vertrauensverlust zu einem politischen Desaster führen kann, dafür gibt es reichlich Beispiele. So war die Clinton-Affäre laut Prof. Castells ein wichtiger Grund für den Sieg der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf. Zwar hatte der ehemalige Präsident nach seiner Affäre die höchsten Bekanntheitswerte in den Vereinigten Staaten, jedoch hat sich eine kleine, rund 5% große Wählerschaft den Republikanern zugewendet. Entscheidend.

Die Kontrolle der Medien als Tor zur Macht (und zu den Wählern) spielt seit jeher eine wesentliche Rolle allen politischen Schaffens. Nur wer genügend Menschen mobilisieren kann, wir die Chance haben seine Themen durchzusetzen. Das geht heute schneller als je zuvor, sei es per SMS (Spanien, Iran) oder via Community (Pirate Party). Paradebeispiel ist die Obama-Kampagne, vor allem weil über das Netz jede Menge Wahlkampfspenden eingesammelt werden konnten.

Die Möglichkeiten der neuen Medien zur Interaktion – mass self communication – ist dabei eine grundlegend demokratische. Jeder kann zu Wort kommen, jederzeit, an jedem Ort. In diesem Sinne verkaufen auch Social Networks Freiheit.

Wer die Auffindbarkeit und Einfachheit (Usability) beherrscht, beherrscht die digitalen Medien. Wem kann man wirklich vertrauen? Vielleicht lässt sich auf diesem Weg das verloren gegangene Vertrauen wieder gewinnen.

Flow Control ist gelebte Informationslogistik -
Die Netzwerkgesellschaft setzt auf den Flow Control, der die Selbstkontrolle gegenüber der Systemkontrolle vorzieht.

Prof. Peter Wippermann:
7% weniger Mobilität mit dem Auto bei den 21-30-jährigen Amerikanern sind ein deutliches Zeichen für den erhöhten Einsatz moderner Kommunikationstechnologien. Zeit wird zum wichtigsten – wenn nicht einzigem – Orientierungsfaktor. Soziale Beziehungen kann man auch online pflegen. So orientiert man sich im Netz zunehmend an

  • Popularität
  • Einfluss
  • Aktivität
  • Vertrauen

um den Personal Flow irgendwie in den Griff zu bekommen.

Wer ständig in Kontakt ist, im Informationsfluss befindet sich, so Wippermann, im Flow. Diese Kommunikation wird jedoch unterschätzt und ist, unkontrolliert, gefährlich. Weil der Umgang damit noch nicht richtig gelernt wurde. “OFF sein” geht nicht (mehr). Im Schnitt

  • haben wir 3 Minuten ungestörte Aufmerksamkeit am Stück
  • werden 11 Minuten unterbrochen und
  • brauchen 8 Minuten, um wieder konzentriert zu arbeiten

Das ist bedenklich und braucht Kontrolle der persönlichen Informationsflüsse.

Corporate Flow – Control heisst im Unternehmen die Kontrolle von Konsumenteninformationen. Kurz: Data Mining und Behavioural Targeting auf Basis von

  • Daten
  • Beziehungen
  • Verhalten
  • Orten

So ist Lufthansa in der Lage langfristiges Flug- und Konsumverhalten seiner Fluggäste zu prognostizieren. Der Autoverleiher Zipcar kann mittels Handy-Applikation seinen Kunden den nächsten Standort eines Mietfahrzeugs nennen. Fahrzeughersteller tüfteln seit Jahren an einer Technologie über die Autos miteinander kommunizieren, um Unfälle zu vermeiden.

Unternehmensgrenzen lösen sich auf:

Einerseits sehnen sich Konsumenten nach persönlichen Kontakten, perönlicher Hilfe. Zumindest digital: Twelpforce (Twitter Help Force), die über Twitter kommunizierende Service-Einheit des Elektronikriesen Best Buy ist ein hervorragendes Beispiel für die erfolgreiche Nutzung von Social Media im Kundenservice.

Bereits 68% aller nach 1980 geborenen ignorieren IT-Sicherheitsrichtlinien. Manager sind gefordert damit umzugehen, in diesem Umfeld zu navigieren, Kontrollverlust in Kauf zu nehmen und zu delegieren. Das Behavioural Branding setzt voraus, Ziele transparent zu kommunizieren, klare Qualitätskriterien festzulegen dafür wer welche Informationen kommunizieren darf. Am Übergang von Industriegesellschaft (Gelerntes) und Netzwerkgesellschaft (Neues) fällt das nicht leicht.

Quelle: Trendtag 2010, Peter Wippermann

Gesellschaftlicher Flow. Das Internet vernichtet die Privatsphäre: einmal abgelegte Daten sind wieder auffindbar. Gespeicherte Daten, richtig ausgewertet,  lassen Konsumenten zu Ressourcen verkommen. Wo in der industriellen Gesellschaft der Staat als Heilsbringer und verantwortliches Regulativ eingreifen konnte, müssen Menschen sich immer mehr auf sich selbst verlassen und Flow-Control lernen.

Noch mehr zum Trendtag 2010



Buch-Tipps

Manuel Castells “Das Informatioszeitalter”

Norbert Bolz “Das Ende der Gutenberg-Galaxis”

Trendbüro “Werte-Index 2009″

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